Alt 21.06.20, 09:42
Standard So tickt die Börse: Wirecard zwischen Schlamperei und Betrug
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***NACH REDAKTIONSSCHLUSS***
Eigentlich gibt es bei mir ja keinen Redaktionsschluss, sondern ich kann bis zur letzten Minute alles ändern. Und dann wird sofort versendet. Doch ich heute heute Vormittag diesen Artikel bereits geschrieben, und danach kam erst die Meldung über den Rücktritt von Dr. Markus Braun. Wir haben dann heute spekulativ einmal das Zocken betrieben: Sind zu 23,35 EUR eingestiegen und heute Abend dann zu 25,50 EUR wieder raus. Schnelle 9% Gewinn, eigentlich machen wir das im Heibel-Ticker nicht. Doch irgendwie hat es mich heute in den Fingern gekitzelt :-)

Was hat sich also geändert: Gründer & CEO Braun ist nun weg, Compliance-Profi & Jurist Feist kommt. Juristen sind selten Menschen, die das Geschäft in neues Wachstum führen, daher scheint das hier eher ein Notnagel zu sein, mit dem man Schlimmeres verhindern möchte. Und "Schlimmeres" ist derzeit der Weiße Elefant im Raum: Eine Insolvenz. Insofern ist die Aktie höchstens einer sehr kurzfristige Spekulation, derzeit aber niemals eine Investition wert.
***ENDE DES NACHTRAGS***

Um 80% ist Wirecard eingebrochen, seit gestern erneut die Verschiebung der Veröffentlichung der Jahreszahlen bekannt gegeben wurde. Die Wirtschaftsprüfung EY verweigert das Testat und begründet dies mit fehlenden Nachweisen für Umsätze in Höhe von 1,9 Mrd. Euro, einem Viertel des Konzernumsatzes.

"Bilanzierungsunregelmäßigkeiten = Verkaufen" lautet eine meiner goldenen Regeln. Es wäre so toll, wenn wir uns hier gegen die Panik im Markt stellen könnten, die Aktie kaufen würden und das Unternehmen die fehlenden Belege nachliefert. Oder einfach nur mit engem Stopp Loss auf die heftigen Kursschwankungen spekulieren, auch das wäre spannend.

Aber seien wir ehrlich: Das hätte mit Investieren nichts zu tun, Sie sollten dann lieber ins Kasino gehen.

Die Finanzaufsicht BaFin hat Wirecard unterstützt und zeitweilig Leerverkäufe in der Aktie verboten, da das Management von Wirecard die BaFin überzeugen konnte, dass es sich bei den Vorwürfen um eine Short-Attacke handelt. Die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hat jahrelang die Jahresabschlüsse testiert, obwohl Journalisten der Financial Times nunmehr herausgefunden haben, dass wichtige Nachweise fehlen. Die Deutsche Börse hat trotz der damals schon bekannten Vorwürfe Wirecard in den DAX aufgenommen. All die politischen Transparenzgesetze "zum Schutze der Anleger" sind wirkungslos verpufft. Glauben Sie wirklich, wenn Finanzaufsicht, Wirtschaftsprüfer, Börse und Politik auf Wirecard hereinfallen, dass Sie es besser wissen?

In meinen Augen gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder die Wirecard-Buchhaltung entpuppt sich als unendlich schlampig, oder aber wir haben einen der größten Betrugsfälle der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Wenn die Buchhaltung einfach nur unendlich schlampig geführt wurde, dann müssen Köpfe rollen. Und da reicht nicht der Finanzvorstand, sondern da muss auch der Vorstandsvorsitzende - in unserem Fall Gründer Dr. Markus Braun - gehen.

Was es bedeutet, wenn ein charismatischer Chef geht, haben wir in der Vergangenheit schon mehrfach gesehen: Apple-Gründer Steve Jobs war zwischenzeitlich mal aus seinem Unternehmen gedrängt worden, Apple musste letztlich von Microsoft gerettet werden. Es kann nicht hoch genug geschätzt werden, mit welchem Weitblick und welcher Durchsetzungskraft Dr. Markus Braun das Geschäft von Wirecard aufgebaut hat. Ein Ausscheiden seiner Person wäre für dieses junge Unternehmen katastrophal. Es wäre fraglich, ob das Geschäftsmodell mit gleicher Geschwindigkeit weiterentwickelt werden könnte. Das Unternehmen wäre folglich nur ein Bruchteil dessen wert, was es mit Dr. Markus Braun wert wäre.

Wenn wir jedoch einen handfesten Betrugsfall haben, dann würde das bedeuten, dass das Geschäftsmodell gar nicht tragfähig ist. Erinnerungen an den ENRON-Skandal aus dem Jahr 2001 kommen hoch: Der US-Energieversorger hatte sich neben der Stromversorgung auch als Stromhändler am Markt positioniert. Anders als bei Händlern üblich hat er den für Kunden eingekauften Strom vollständig durch die eigene Bilanz laufen lassen. Eigentlich sind nur die vereinnahmten Transaktionsgebühren dem eigenen Umsatz zuzurechnen.

ENRON nutzte für diesen Bilanztrick "special purpose entities" als Einheiten für besondere Zwecke, die in den Bilanzen zwar auftauchten, über die jedoch nur spärlich Informationen ausgegeben wurden. Nach Belieben wurde so das Umsatzwachstum immer weiter nach oben geschraubt, jegliche Analystenerwartungen wurden regelmäßig übertroffen und die weltweit renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Anderson vergab Jahr für Jahr ein uneingeschränktes Testat.

Arthur Anderson? Haben Sie schon mal gehört, oder? Zuletzt haben Sie vermutlich 2001 von denen gehört, denn die sind über diesen Skandal ebenfalls gestolpert. Mit dieser Gefahr vor Augen hat EY also gestern das Testat für Wirecard verweigert.

Gibt es noch eine dritte Option? Hmm, theoretisch könnte Wirecard von einem Wettbewerber gekauft werden, doch das halte ich für unwahrscheinlich. Welches erfolgreiche Unternehmen holt sich die Risiken von Wirecard ins Haus, wenn es doch einfach nur warten muss, bis die Bude platt gemacht wird, um an dessen Kunden zu kommen?

Also nein: Wirecard ist für meinen Geschmack zu heiß, die fasse ich nicht an.

WOCHENGEWINNER TEAMVIEWER, HELLOFRESH UND DRÄGERWERK

Trotz des Wirecard-Desasters konnte der DAX in der abgelaufenen Woche zulegen. Obwohl Corona-Hotspots regional aufpoppen, dominiert auf dem Börsenparkett die Hoffnung auf eine globale Konjunkturerholung. Somit konnten diese Woche DAX-Unternehmen wie Adidas, Bayer, die Dt. Börse, Dt. Telekom, HeidelbergCement, Linde und SAP um über 5% zulegen. Konzerne, die mit einem blauen Augen durch die Krise gekommen sind, und nun von Konjunkturprogrammen profitieren dürften.

Wochengewinner sind jedoch einmal mehr die Corona-Gewinner wie TeamViewer (+12%), Drägerwerk (+10%) und HelloFresh (+15%).

Schauen wir uns mal die Wochenentwicklung der wichtigsten Indizes an:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


INDIZES (18.06.2020) Woche Δ Σ '20 Δ

Dow Jones 26.184 2,7% -8,6%
DAX 12.331 3,2% -6,9%
Nikkei 22.479 0,8% -5,0%
Shanghai A 3.111 1,6% -2,3%
Euro/US-Dollar 1,12 -0,6% 0,0%
Euro/Yen 119,65 -1,0% -2,1%
10-Jahres-US-Anleihe 0,71% 0,02 -1,22
Umlaufrendite Dt -0,43% -0,02 -0,20
Feinunze Gold $1.742 0,4% 15,2%
Fass Brent Öl $42,35 8,9% -38,5%
Kupfer 5.734 -1,2% -7,7%
Baltic Dry Shipping 1.527 82,0% 40,1%
Bitcoin 9.344 0,2% 28,1%



Der DAX ist um 3% angesprungen: Der Rücksetzer, der Ende der Vorwoche begonnen hatte, war schneller vorüber, als viele reagieren konnten. Dennoch war er gesund, denn eine Rallye braucht immer wieder solche Rücksetzer, um anschließend weiter nach oben laufen zu können.

Der Baltic Dry Verschiffungsindex ist in dieser Woche um 82% angesprungen: die globale Konjunktur springt an, China kauft verstärkt Agrarprodukte aus den USA - man möchte sich nun wohl doch mit Donald Trump gut stellen - und entsprechend sind die depressiven Transportraten nunmehr Vergangenheit. Der weltgrößte Reeder Maersk hat diese Woche den Umsatzrückgang reduziert: Bislang war man von bis zu -25% für das zweite Quartal ausgegangen, nun könnten es "nur" -17% werden, so das Unternehmen. Und es gibt viele Branchen, die bereits für das dritte Quartal mit Nachholeffekten kalkulieren, also ein Niveau erreichen wollen, das höher ist, als das Vor-Coronaniveau.

In dieses Bild passt auch der anhaltende Ölpreisanstieg (+9%), der für eine Wiederbelebung der Konjunktur spricht.

Wir sind aus der Zeit der "zarten Pflänzchen der Hoffnung" herausgewachsen, es zeigen sich handfeste Wachstumsraten. Das ist neue Nahrung für die Aktienmarktrallye.
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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