Alt 05.09.20, 09:56
Standard So tickt die Börse: Junge Aktionäre geraten erstmals in Panik
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Ist schon komisch: Solange die Kurse steigen, gibt es immer jemanden, der noch ein paar Cent mehr für die Aktie zu zahlen bereit ist. Wenn die Kurse jedoch fallen, fehlt plötzlich jegliche Kaufnachfrage.

So sind die Aktienmärkte gestern binnen weniger Stunden um 4% eingebrochen. Der DAX verlor 500 auf 12.900 Punkte. Als Schuldiger wurden die Chinesen ausgemacht: Über Bloomberg sickerte durch, dass China im neuen 5-Jahresplan, der ab nächsten Montag auf dem Volkskongress beschlossen werden solle, die Chipindustrie als Schlüsselindustrie der Zukunft fördern wolle.

Nvidia ist um 20% eingebrochen, AMD um 15%, Skyworks um 10% und Intel um 6%. Unsere Infineon gab zwischenzeitlich 7% ab, erholt sich heute jedoch bereits wieder kräftig, weil die Autoindustrie von den Vorgängen profitiert. Doch um das zu verstehen, ist noch ein gedanklicher Zwischenschritt zu beschreiten:

Der Ausverkauf der Chip-Aktien wirkte wie eine Alarmsirene bei vielen Corona-Spekulanten. Neue Handelsplattformen wie Robinhood in den USA und Trade Republik in Deutschland haben junge Anleger auf den Plan gerufen, die in der gewonnenen Corona-Freizeit zu spekulieren begannen. Seit dem Corona-Crash sind Aktien eigentlich nur gestiegen. Okay, es gibt einige, die nicht gestiegen sind, aber gefallen ist seit dem Tief im März eigentlich keine Aktie mehr.

Da haben wir nun eine neue Generation von Aktionären, die noch nie erlebt haben, dass ein Kurs auch mal fallen kann. Im Gegenteil, diese jungen Aktionäre haben gelernt, dass man um so mehr gewinnt, je größer das Risiko ist. Die Aktien, die am offensichtlichsten vom Lockdown profitiert haben, sind auch am stärksten gestiegen und befinden sich daher derzeit in den Depots vieler junger Neu-Aktionäre.

Da waren natürlich auch Aktien von Nvidia und AMD dabei, denn die gehören zu den Highflyern der Nach-Coronacrash-Zeit.

Wenn dann plötzlich eine Position im Portfolio mit -20% angezeigt wird, dann beginnen viele dieser jung-Aktionäre zu überlegen: das könnte ja mit den anderen Aktien auch passieren, oder? Und so werden flugs Gewinne gesichert. Gewinne, die nicht selten über 100% betragen.

So wurden die Corona-Gewinner diese Woche ausverkauft: HelloFresh -11%, Zooplus -10%, TeamViewer -9% und ShopApotheke -18%.

In den USA zog sich der Ausverkauf durch den gesamten Aktienmarkt. Insbesondere die globalen Internet-Monopole mussten Federn lassen. Allein gestern verlor Apple 8%, Amazon und Alphabet je 5%, Microsoft 6%. Tesla gab sogar 9% ab und Facebook 4%. Was für ein Gemetzel!

Ist die Rallye damit beendet? Waren die Aktienkurse zu hoch gestiegen?

Nun, kurzfristig ja, denn kurzfristig bestimmt die Stimmung die Richtung an den Aktienmärkten. Mittel- und langfristig jedoch setzen sich Bewertungen durch, und die sind bei vielen Aktien noch nicht zu hoch.

Der gestrige Crash bedeutet also noch nicht unbedingt das Ende der Rallye. Er bedeutet erst einmal nur, dass die jung-Aktionäre gelernt haben, was Angst bedeutet. Ich denke, zumindest die Tesla-Rallye ist vorerst einmal unterbrochen. Und auch die Apple-, Alphabet-, Amazon- und Microsoft-Rallyes dürften eine Pause einlegen.

Wohin also mit dem Geld? Nun, was war denn in den vergangenen Monaten vergessen worden? Autos! Die beste Branche in der DAX-Familie ist diese Woche die Autobranche. Traten +9%, Hella +7% und Stabilus +6% heißen die Wochengewinner. Auch Zulieferer Covestro mit +9% profitiert von der neuen Liebe junger Anleger für zyklische Aktien. Und da ist dann auch noch die oben erwähnte Infineon, die als Chip-Aktie ausverkauft, als Auto-Zulieferer umgehend aber wieder eingekauft wurde. So bleibt es bei Infineon bei einem Wochenminus von nur 1%.

Schauen wir mal, wie sich die Situation auf die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich ausgewirkt hat:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


Abbildung 1: Indizes20200904
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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