Alt 11.05.19, 11:38
Standard So tickt die Börse: Überfällige Korrektur der exorbitanten Jahresgewinne
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Heute müssen wir den Aktienmarktverlauf der vergangenen zwei Wochen besprechen, da der Heibel-Ticker vor einer Woche ausgefallen war. Stellen wir die Uhr also gedanklich nochmal zurück auf die Woche um den Feiertag am 1. Mai (Mittwoch).

Am Montag hatte Trump die OPEC aufgefordert, die Ölproduktion zu steigern, um den Ausfall des Irans zu kompensieren. Der Iran ist inzwischen aus dem Atomabkommen ausgestiegen, weil keine spürbare Unterstützung seitens Europas gegen den wütenden Donald Trump zu erkennen war. Der Ölpreis ist nach der Aufforderung Trumps um 3% zurückgegangen. Militärische Aktivitäten um den Iran herum schüren Ängste vor einer militärischen Auseinandersetzung. Statt des Goldpreises ist der Bitcoin kräftig angestiegen (+16,5%).

Ebenfalls am Montag gab Disney bekannt, am Premiere-Wochenende mit den Avengers - Endgame 1 Mrd. USD umgesetzt zu haben, ein neuer Weltrekord. Die Aktie von Disney ist in Folge dieses Erfolges auf ein Allzeithoch gestiegen.

Am Dienstag veröffentlichte die Google-Mutter Alphabet verwirrende Zahlen: Das Unternehmen wies die langsamste Wachstumsrate seit 2005 aus und verfehlte Umsatz- und Gewinnziel. Die vom Unternehmen gegebenen Erklärungen, Wechselkurseffekte, starke Vergleichszahlen des Vorjahres und verzögerte Produkteinführungen, stellten Analysten nicht zufrieden. Auch für mich ergeben sich nach den Erklärungen mehr Fragen als Antworten. Die Aktie ist seither um 10% ausverkauft worden.

Apple hingegen hat gezeigt, dass die iPhone-Umsätze im Konzernergebnis an relativer Bedeutung abnehmen, während der Umsatz und Gewinn mit Dienstleistungen kräftig wächst. Wir können uns schon ausrechnen, dass in spätestens zwei Jahren Dienstleistungen zu mehr Umsatzwachstum führen, als das iPhone-Geschäft in den vergangenen drei Jahren noch erzeugen konnte. Entsprechend ist die Aktie von Apple in Folge der Zahlen um 5% angesprungen.

Inzwischen wurde dieser Gewinn jedoch wieder abgegeben, da Apple ein starkes China-Geschäft besitzt und die neuerlichen Spannungen gerade Apple treffen. Mehr dazu weiter unten.

Am Dienstag hat auch Zalando Zahlen vorgelegt, die - wie immer - den sportlichen Wachstumskurs des Unternehmens bestätigten, doch der Gewinn enttäuschte die Anleger. Gut, dass wir kurz zuvor unsere Position verkauft haben (+84%! seit Jahresbeginn). Zalando durchläuft das gleiche Problem wie Amazon vor 15 Jahren. Jeder Cent wird in das Wachstum gesteckt, und das gefällt Anlegern nicht. Warten wir mal ab, wie tief Zalando wieder fallen wird. Vielleicht holen wir uns die Aktien dann günstiger wieder zurück.

Ach so, dann war da noch die Wachstumsrate des BIPs der EU im ersten Quartal mit 0,4%, die gefeiert wurde. Ich weiß nicht, was bei 0,4% zu feiern ist. Aber immerhin zeigt Europa mit nacktem Finger auf die USA, wo das Wachstum bei "nur" 3,2% liegt ...?

Während am Mittwoch die deutsche Börse geschlossen blieb, erreichten die US-Börsen neue Allzeithochs. Verhandlungsleiter Lighthizer, ein harter Knochen, der für Trump mit den Chinesen verhandelt, gab sich zuversichtlich, bald einen für beide Seiten vorteilhaften Deal unterzeichnen lassen zu können.

Doch noch im Tagesverlauf drehten die Aktienmärkte. Der Grund war zum einen, dass der Dow Jones seine besten ersten vier Monate eines Jahres seit 1999 hatte und der S&P 500 sogar seit 1987. Ich bin alt genug, um Ihnen aus eigener Erfahrung zu erzählen, was jeweils danach passierte: Nach 1999 folgte das Platzen der Internetblase und im Jahr 1987 folgte der Oktobercrash, ausgelöst von automatisch ausgeführten, unlimitierten Stopp Loss Orders. Angst griff um sich und in diese Verunsicherung hinein zerstörte US-Notenbankchef Jay Powell aufkeimende Hoffnungen, dass er noch im laufenden Jahr die Zinsen senken könnte. Es begann eine Talfahrt, die nach dem Wochenende durch den inzwischen berühmten Trump-Tweet, die Chinesen würden festgezurrte Vereinbarungen wieder aufschnüren, noch beschleunigt wurde.

Ich habe inzwischen bereits mehrfach die Position vertreten, dass Trump gar keinen Deal mit China braucht. Seine Anhänger lieben ihn als harten Verhandler, der China an die Kandare nimmt. Wenn er plötzlich einen Deal vorweist, wird das ein gefundenes Fressen für seine Gegner sein, die den Deal als viel zu weich kritisieren werden. Dann lieber weiter verhandeln.

Trump hat eine gigantische Unternehmenssteuerreform durchgesetzt, von der US-Unternehmen profitieren. Trotz des Handelsstreits mit China hat sich die Situation für die meisten US-Unternehmen unterm Strich verbessert.

Trump ist es auch egal, wenn China Zölle auf US-Produkte erhebt. Er möchte Unternehmen fördern, die Produkte für das eigene Land im eigenen Land produzieren. Die größten Exportunternehmen der USA entstammen dem Dienstleistungssektor (Facebook, Google) und werden von Zöllen nicht erfasst.

Zölle unterstützen sogar Trumps Ziel, inländische Unternehmen zu einer inländischen Produktion zu bewegen. Er möchte ja gar nicht so stark mit China, dem größten Kontrahenten im Streben um die Position der globalen Weltmacht, verflochten sein. Es wäre ihm viel lieber, US-Unternehmen würden mit allen möglichen kleinen Ländern der Erde Geschäftsbeziehungen aufbauen, damit China nicht so schnell wachsen kann. China ist der Feind, in den Augen von Trump. Warum sollte er einen Deal vereinbaren, mit dem China weiter wachsen und die USA überholen könnte?

Mag sein, dass ich mich irre. Aber je mehr ich über die in den Massenmedien verbreitete vermeintliche Gewissheit nachdenke, dass ein Handelsabkommen zwischen den USA und China für alle Beteiligten besser sei, desto mehr Gegenargumente fallen mir aus Sicht von Donald Trump ein. Na, warten wir's ab: Heute wird wieder verhandelt.

Damit sind wir auch schon wieder in der Gegenwart angekommen: Nachdem Trump mit einem Tweet am Wochenende die Aktienmärkte in einen mehrtägigen Ausverkauf getrieben hat, zog er gestern zu Börsenbeginn ein Schreiben von Chinas Präsident Xi aus der Tasche, das "sehr schön" sei. Er halte eine Einigung an diesem Wochenende noch für möglich. Und schwups, heute startet der DAX mit +0,8% in den Handel.

Am heutigen Freitag ist die Situation nun extrem angespannt: China und die USA verhandeln wieder, eine Einigung ist wohl vor Börsenschluss nicht zu erwarten. Dafür ist es jederzeit möglich, dass Donald Trump mit einem Tweet die Verhandlungen für endgültig gescheitert erklärt.

Gleichzeitig findet heute der größte Börsengang des laufenden Jahres statt: Uber. Im Geschäftsmodell von Uber steht nicht nur der Personentransport, sondern auch der Gütertransport bis hin zu autonomen Taxis und sogar Flug-Taxis. Was ist ein solches Zukunftsunternehmen wohl wert?

Nun, einen Vorgeschmack haben wir bereits in den vergangenen zwei Wochen erhalten: Die gesamte deutsche Automobilbranche wurde um 8,1% ausverkauft: BMW -9,2%, Conti -12,1%, Infineon -11,7%. Stabiles -16,3% und Leoni -16,8%. Uber wird heute Aktien im Wert von 8 Mrd. USD an den Markt bringen, insgesamt wird das Unternehmen dadurch mit 82 Mrd. USD bewertet und ist somit vom Start weg doppelt so wertvoll wie BMW.

Profitabilität für Uber ist nicht in Sicht. Die Wachstumsraten sind rückläufig und aktuell bei 20% und das Kurs/Umsatz-Verhältnis liegt bei 6. Wer in Uber investiert, der macht ein Glaubensbekenntnis, nicht ein Investment. Ich bin hier in Hamburg diese Tage mehrfach mit Moia gefahren, einem Elektro-Taxi, das bis zu 6 Passagiere aufnimmt und nicht auf direktem Weg, aber doch ziemlich zügig zum Ziel fährt. Volkswagen hat den Dienst ins Leben gerufen, eine entsprechende Navigationssoftware aus Finnland weiterentwickelt und die Kleinbusse mit schnellem und kostenfreiem Internet ausgestattet. Bestellt wird per App, die Kreditkarte ist hinterlegt, man steigt am Ziel einfach nur aus.

Ganz ehrlich: Wir befinden uns am Beginn einer Revolution, was den Individualverkehr in Städten angeht. Da wird es eine ganze Reihe von neuen Gewinnern geben, es wird aber auch einige alte Marktteilnehmer geben, die sich behaupten werden. Sowohl Tesla als auch Uber machen den Weg in den Köpfen der Menschen frei für neue Ideen. Doch daraus können wir nicht zwangsläufig ableiten, dass Tesla und Uber auch diejenigen sein werden, die später mal das beste Geschäftsmodell in der neuen Welt des Individualverkehrs haben werden.

Wer vom Uber-IPO profitieren möchte, der könnte sich daher aktuell eher mal Infineon anschauen, die nach verhältnismäßig soliden Quartalszahlen um 12% ausverkauft wurden. Da ist Infineon zu einer Quelle von Bargeld für institutionelle Anleger geworden, die sich gerne für Uber-Aktien bewerben wollten.

Schauen wir mal, wie sich die wichtigsten Indikatoren im Verlauf der vergangenen zwei Wochen entwickelt haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


INDIZES (09.05.2019) Woche Δ Σ '19 Δ

Dow Jones 25.828 -2,5% 12,0%
DAX 12.074 -2,0% 14,3%
Nikkei 21.345 -4,1% 6,6%
Shanghai A 3.078 -4,8% 17,9%
Euro/US-Dollar 1,12 0,8% -1,7%
Euro/Yen 123,30 -1,0% -2,3%
10-Jahres-US-Anleihe 2,44% -0,06 -0,29
Umlaufrendite Dt -0,11% -0,02 -0,21
Feinunze Gold $1.287 0,0% 0,5%
Fass Brent Öl $70,58 -1,4% 35,2%
Kupfer 6.102 -5,2% 1,4%
Baltic Dry Shipping 974 12,1% -23,4%
Bitcoin 6.200 16,5% 58,1%



Aktienmärkte weltweit notieren nur knapp unter ihren Jahres- oder Allzeithochs. Entsprechend entspannt ist die Stimmung unter Anlegern trotz der heftigen Kursverluste der vergangenen Tage.

Die Aktienmarktspannungen haben dazu geführt, dass mehr Kapital in den Anleihemarkt floss. Die Umlaufrendite ist folglich um 0,02%punkte auf -0,11% gefallen, in den USA betrug der Rückgang -0,06%punkte auf 2,44%.

Besonders stark hat der Bitcoin profitiert, der sich in den vergangenen Wochen verdoppelt hat. An dem Marke um 6.000 USD wird sich nun entscheiden, ob der Bitcoin einen neuen Aufwärtstrend starten kann, oder aber wieder auf 3.000 USD zurückfällt.
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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