Alt 22.12.18, 12:35
Standard So tickt die Börse: Rezessionsgefahr und Sündenbock Jay Powell
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"Unterschätzen Sie Jay Powell nicht" oder "vielleicht steckt Powell in Wirklichkeit mit Trump unter einer Decke und die beiden verfolgen ein gemeinsames Ziel..." oder ähnliche Überlegungen erreichen mich in diesen Tagen. Alles gut durchdacht und in sich schlüssig, aber alles mit einer Grundannahme: "US-Notenbankchef Powell hat mehrere akademische Abschlüsse und Auszeichnungen, da ist es doch unwahrscheinlich, Herr Heibel, dass Sie es besser wissen als er, oder?"

Ein Blick in die Geschichtsbücher gibt keinerlei Aufschluss über Ihren Autor, tut mir leid. Aber Sie werden sehr viele Beispiele für Fehler von Notenbankchefs finden.

Nach dem Bank-Run im Jahr 1929 wurde Eugene Meyer Fed-Chef und er reduzierte die Geldmenge in den folgenden drei Jahren um 30%. Die Folge war die Weltwirtschaftskrise.

Alan Greenspan hatte schon einen Zinssenkungszyklus begonnen, um die zu erwartende Katerstimmung nach dem Jahrtausendwechsel abzufedern. Doch im Mai 2000 hob er überraschend den Leitzins um 0,5% auf 6,5% an. Ein Fehler, der das Zerplatzen der Internetblase in einen heftigen Gesamtmarktcrash verwandelte.

Nach seinem Amtsantritt im Januar 2006 hob Ben Bernanke den US-Leitzins noch viermal um 0,25% auf zuletzt 5,25% an, um dann mit viel zu hohem Zinsniveau das Platzen der Immobilienblase in so brutalen Form vorzunehmen, dass daraus eine Weltfinanzkrise wurde.

Die Geschichte ist voll von Beispielen, wo die Fed Signale der Wirtschaft ignoriert und aufgrund einer unter Volldampf laufenden Wirtschaft die niedrige Arbeitslosigkeit als "Beweis" dafür nimmt, dass einer Überhitzung vorzubeugen sei. Hier ist eine Graphik, an der Sie erkennen können, dass jede Rezession von Zinsanhebungen eingeleitet wurde: https://fred.stlouisfed.org/series/INTDSRUSM193N. Eine Notenbank, die Rezessionen verhindern möchte, würde im Vorfeld einer Rezession bereits für niedrigere Zinsen sorgen.

Wenn ich mir also diese historischen Beispiele anschaue, dann ist es vermutlich weit weniger "mutig" sich gegen den aktuellen Notenbankchef zu stellen als ihm zu vertrauen. Ich denke, Powell macht einen Fehler. Und je später er diesen Fehler erkennt und korrigiert, desto größer ist die Gefahr einer Rezession in den USA, die sich dann auf die globale Konjunktur ausweiten könnte.

Der DAX hat heute an seinem letzten Handelstag vor Weihnachten den tiefsten Stand des Jahres erreicht. Es ist die Reaktion auf die Entscheidung Jay Powell, der diese Woche den US-Leitzins um 0,25% angehoben und zwei weitere Zinsanhebungen für 2019 in Aussicht gestellt hat. Dabei gibt es Anzeichen für Konjunkturprobleme:
- Industrieunternehmen (United Technologies) sprechen von einer nachlassenden Wachstumsdynamik,
- Logistikunternehmen vermeldet wegbrechende Aufträge (FedEx),
- die Immobilienpreise haben bereits zu purzeln begonnen (Anzahl verkaufter Häuser Ende 2018 -21% ggü. Anfang) und
- Inflationstreiber Nr. 1, der Ölpreis, ist seit Anfang Oktober um 40% eingebrochen.

Ich habe keinen Schimmer, welche "Überhitzung" Jay Powell mit seinen Zinserhöhungen bekämpfen möchte. Powell ist Jurist, hat sich erst in den letzten fünf Jahren in die Materie der Volkswirtschaft eingearbeitet und verfolgt meiner Einschätzung nach paragraphentreu seine Aufgabe: Geldwertstabilität und Vollbeschäftigung. Und beim Thea Vollbeschäftigung kann er dank der Umsichtigen Vorarbeit seiner Vorgängerin Janet Yellen einen dicken Haken machen, mit 3,9% Arbeitslosigkeit ist Vollbeschäftigung erreicht.

Löhne, die seit zehn Jahren nicht mehr nennenswert angestiegen sind, können nur bei Knappheit der Arbeitskraft ansteigen, also bei Vollbeschäftigung. Nach 10 Jahren Ausnahmezustand an den Finanzmärkten benötigt der Arbeitsmarkt meiner Ansicht nach nun eine Phase der Anpassung: Lohnsteigerungen bei Vollbeschäftigung. Da ist es verfrüht, auf die Bremse zu steigen, wie es Powell tut.

Vor diesem Hintergrund wird Sie mein Ausblick für die kommenden Monate kaum überraschen: Solange Powell seine Haltung nicht korrigiert, bleiben die Finanzmärkte unter Druck. Nach dem heftigen Ausverkauf der vergangenen Wochen ist eine kräftige Gegenbewegung überfällig. Doch solange Powell seine Haltung nicht korrigiert, wird es nur eine "Gegenbewegung" im übergeordneten Bärenmarkt bleiben.

Schauen wir mal, wie sich die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich geschlagen haben:

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES


INDIZES (20.12.2018) Woche Δ Σ '18 Δ

Dow Jones 22.988 -6,5% -7,4%
DAX 10.611 -2,9% -17,9%
Nikkei 20.393 -4,6% -10,4%
Shanghai A 2.656 -3,7% -23,3%
Euro/US-Dollar 1,14 0,7% -4,7%
Euro/Yen 127,33 -1,2% -5,7%
10-Jahres-US-Anleihe 2,77% -0,15 0,34
Umlaufrendite Dt 0,10% -0,04 -0,18
Feinunze Gold $1.259 1,6% -3,4%
Fass Brent Öl $55,04 -9,4% -17,3%
Kupfer 6.014 -2,2% -16,0%
Baltic Dry Shipping 1.318 -3,4% -3,5%
Bitcoin 4.062 23,3% -70,8%



Um 6,5% ist der Dow Jones in Folge der Zinsentscheidung eingebrochen. Hier in Deutschland haben wir bereits in den Vorwochen aufgrund der Brexit/Italien/Frankreich-Probleme kräftig Federn gelassen und können uns auf einen EZB-Chef stützen, der für seine lockere Geldpolitik bekannt ist, so dass der Ausverkauf verhältnismäßig moderat ausfiel (-2,9%).

Der US-Dollar hat gegenüber sämtlichen Weltwährungen zugelegt. Kein Wunder, denn wenn Powell die Geldmenge verknappt, steigt der Wert eines jeden Dollars.

Und im Kielwasser dessen, also starker US-Dollar und schwache Wirtschaft, steigt auch der Goldpreis als sicherer Hafen an (+1,6%), genau wie auch der Wert von Staatsanleihen. Die Rendite für 10-Jahre laufende US-Papiere ist im Umkehrschluss wieder deutlich unter 3% gerutscht (-0,15%punkte auf 2,77%). Hier in Deutschland flirten die Papiere schon wieder mit der Nulllinie.

Die USA pumpen mehr Öl an die Oberfläche als je zuvor, Trump genehmigt Bohrvorhaben als auch Pipelines, so dass die USA kaum noch Öl importieren müssen. Gleichzeitig hatten sich Länder wie Saudi Arabien und Russland auf den Boykott Irans eingestellt, der jedoch seitens China umgangen wird. Iran fördert also wieder Öl und wird es trotz Embargo auf den Weltmärkten los. Die Folge ist: Öl im Überfluss, der Preis bricht weiter ein.

Der Bitcoin hat sich diese Woche erholt (+23,3%). Da habe ich noch vor einer Woche dem Bitcoin die Wertaufbewahrungsfunktion als Alternative zum Gold abgesprochen, und schon folgt eine Gegenbewegung. Wenn er also eine Wertaufbewahrungsfunktion hat, dann zumindest eine sehr volatile, also nur für starke Nerven.
Für Inhalt und Rechtmäßigkeit dieses Beitrags trägt der Verfasser Stephan Heibel die alleinige Verantwortung. (s. Haftungshinweis)  
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